Modernisierungsszenario und das Deutschlandangebot 2040 im Vergleich
Das Deutschlandangebot 2040 in Baden-Württemberg
Am 11. November 2025 wird das Gutachten zur Finanzierung der Leistungskosten im ÖPNV in Deutschland und in Baden-Württemberg 2024 – 2040 veröffentlicht. Zwei Szenarien zeigen den Transformationsfahrplan für die Branche auf: eine umfassende Modernisierung des Bestands oder zusätzlich dazu ein deutlich erweitertes und attraktiveres Angebot in der Fläche. Die Politik muss jetzt Richtungsentscheidungen treffen.
Das Leistungskostengutachten „Das Deutschlandangebot in Baden-Württemberg – Transformationsfahrplan für einen modernen, effizienten und leistungsstarken ÖPNV für alle und überall“ stellt fundiert dar, wie der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Baden-Württemberg zukunftsfähig gestaltet und finanziert werden kann. Es wurde im Auftrag des VDV von Ramboll Management Consulting (RMC), PwC Deutschland (PwC) und Intraplan Consult erstellt.
Die Gutachter haben zunächst den Finanzierungsbedarf des ÖPNV für den Status quo im Jahr 2024 analysiert und darauf aufbauend für zwei konkrete Szenarien die unterschiedlichen Finanzierungsbedarfe für den ÖPNV der Zukunft ermittelt. Das Szenario „Modernisierung 2040“ beinhaltet die umfassende Modernisierung der bestehenden Infrastruktur, punktuelle Ausbauten und die Umsetzung der Antriebswende. Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ setzt auf dem Szenario „Modernisierung 2040“ auf und leistet zusätzlich dazu eine signifikante Verbesserung des gesamten ÖPNV-Angebots entlang von Mindestbedienstandards. Das VDV-Leistungskostengutachten beschreibt damit eine konkrete Finanzierungsgrundlage, um den öffentlichen Personennahverkehr zu einer echten Mobilitätsalternative für alle Menschen in Baden-Württemberg zu machen – auch in ländlichen Räumen.
Modernisierung als Notwendigkeit
Der öffentliche Personennahverkehr mit Bahnen und Bussen ist ein zentraler Standortfaktor für Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Er ermöglicht Teilhabe, stärkt die Wirtschaft und sorgt für gleichwertige Lebensverhältnisse. In den größeren Städten wie Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Ulm oder Heilbronn trägt er entscheidend dazu bei, Straßen und Parkplätze zu entlasten. Und auch für die touristischen Regionen, etwa im Schwarzwald, am Bodensee, auf der Schwäbischen Alb oder in Oberschwaben, sind gute Mobilitätsangebote ein wichtiges Qualitäts- und Attraktivitätsmerkmal.
In den vergangenen Jahren sind die Fahrgastzahlen im ÖPNV gestiegen, vielerorts sogar über das Niveau vor der Corona-Pandemie hinaus. Gleichzeitig stehen die Verkehrsunternehmen wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Die Kosten für Energie und Personal sind seit 2020 deutlich gestiegen. Die Umstellung auf klimafreundliche Antriebe sowie die fortschreitende Digitalisierung erfordern zusätzliche Investitionen. Politische Maßnahmen zur Reduzierung der Fahrpreise, wie das Deutschlandticket, haben die Abhängigkeit der Unternehmen von öffentlichen Mitteln weiter erhöht, während Bund, Länder und Kommunen gleichzeitig ihre Haushalte konsolidieren müssen.
Gerade in dieser Situation braucht es entschlossenes politisches Handeln, um den ÖPNV in Baden-Württemberg dauerhaft leistungsfähig, innovativ und zukunftssicher zu gestalten. Das Leistungskostengutachten macht damit deutlich: Ein „Weiter so“ ist keine Option.
Kernbotschaften des Gutachtens
ÖPNV in Baden-Württemberg hängt von öffentlichen Mitteln ab
Die Betriebskosten im ÖPNV sind in den letzten Jahren aufgrund massiver Preissteigerungen deutlich überproportional gewachsen – insbesondere im Bereich Personal und Energie. Parallel dazu führte die Einführung des Deutschlandtickets zu einem strukturellen Rückgang der Fahrgeldeinnahmen. Diese Schere zwischen Aufwendungen und tatsächlich erzielten Einnahmen wird sich in den kommenden Jahren signifikant vergrößern. Im Jahr 2024 summierten sich die Aufwendungen für den ÖPNV in Baden-Württemberg auf 4,98 Milliarden Euro. Die Einnahmen aus Fahrgeldern und sonstigen Erlösen betrugen in Baden-Württemberg 1,32 Milliarden Euro. Der Anteil der fahrgastbezogenen Einnahmen am Gesamtaufwand beträgt in Baden-Württemberg rund 26 Prozent und liegt damit deutlich unterhalb des bundesweiten Schnitts von circa 33 Prozent. Der verbleibende Finanzierungsbedarf von ca. 3,60 Milliarden Euro im Jahr 2024 wird durch öffentliche Finanzierungsquellen gedeckt. Die öffentliche Hand stellt somit in Baden-Württemberg die zentrale Finanzierungssäule des ÖPNV dar.
Angebot und Nachfrage
Im Jahr 2024 erbrachte der ÖPNV in Baden-Württemberg eine Betriebsleistung von rund 506 Millionen Nutzfahrzeug- beziehungsweise Nutzzugkilometern. Insgesamt wurden in Deutschland 366 Milliarden Sitzplatzkilometer bereitgestellt, davon 47,2 Milliarden in Baden-Württemberg. Dieses Angebot ermöglichte bundesweit 11,8 Milliarden Fahrgastfahrten und knapp 120 Milliarden Personenkilometer, davon in Baden-Württemberg 14,3 Milliarden Personenkilometer. Während bundesweit über die Hälfte dieser Leistung (54 Prozent) im SPNV erbracht wurde, liegt der Anteil des SPNV in Baden-Württemberg mit 57 Prozent darüber. Die Sparte Bus leistete 33 Prozent der Nachfrage – genauso viel wie der bundesweite Durchschnitt – und die Sparte Tram leistete 10 Prozent der Nachfrage im ÖPNV – unterhalb des bundesweiten Durchschnitts von 13 Prozent.
Kostenanstieg und Finanzierungsbedarf bis 2040
Das Leistungskostengutachten des VDV hat nun ein Leitbild für den künftigen ÖPNV und dem damit verbundenen Finanzierungsbedarf ermittelt. Die Ergebnisse bilden einen detaillierten Transformationsfahrplan bis zum Jahr 2040 und stellen aus Sicht der Branche zugleich die fachlich fundierte Basis für den künftigen Finanzierungsbedarf dar. Um das Szenario “Modernisierung 2040” in Baden-Württemberg umzusetzen, steigt der öffentliche Finanzierungsbedarf von 3,60 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 6,67 Milliarden Euro im Jahr 2040. Das entspricht einer jährlichen Steigerung der öffentlichen Mittel um circa193 Millionen Euro – ein Anstieg um circa 4 Prozent pro Jahr. Davon sind allein 84 Millionen Euro pro Jahr inflationsbedingt. In der Sparte Tram ergibt sich der größte Anstieg des Finanzierungsbedarfs, aufgrund der umfassenden nötigen Investitionen in Modernisierungen und Infrastrukturausbau steigt er um 164 Prozent. Die Steigerungsrate der Sparte SPNV beträgt 79 Prozent und die der Sparte Bus 73 Prozent.
Für die Umsetzung des Szenarios Deutschlandangebot 2040 steigt der Finanzierungsbedarf in Baden-Württemberg noch einmal deutlich an – auf 10,82 Milliarden im Jahr 2040. Das entspricht einer jährlichen Steigerung der öffentlichen Mittel um circa 453 Millionen Euro, was einem Anstieg um circa 7,1 Prozent pro Jahr entspricht. Im Deutschlandangebot steigt der Finanzierungsbedarf in allen Sparten deutlich stärker als im Szenario „Modernisierung 2040“ (plus 201 Prozent) – insbesondere in der Sparte Bus für den flächendeckenden Angebotsausbau (plus 245 Prozent).
Der notwendige Eigenbeitrag der ÖPNV-Branche
Die Branche bekennt sich dazu, einen wesentlichen Eigenbeitrag zu leisten, Prozesse und damit letztlich auch das Angebot zu verbessern. Durch die Standardisierung von Systemen und Fahrzeugen lassen sich zusätzliche Skaleneffekte erzielen. Durch die Digitalisierung und Automatisierung ergeben sich neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung. Allerdings belasten politisch gewollte Rabatte wie das Deutschlandticket die Finanzierungsbasis des ÖPNV: Fahrgelderlöse fehlen, während die Kosten weiter steigen. Ein moderner ÖPNV braucht neben der Finanzierung aus öffentlichen Mitteln ausreichende Fahrgeldeinnahmen als Finanzierungbeitrag für Leistungsverbesserungen im Angebot und zur Entlastung der öffentlichen Haushalte.
Modernisierung 2040 vs. Deutschlandangebot 2040 in Baden-Württemberg: Flächendeckende Mobilität als echte Alternative
Das Szenario „Modernisierung 2040“ stellt den Mindestbedarf für einen zukunftsfähigen, qualitativ hochwertigen ÖPNV in Deutschland und in Baden-Württemberg dar, indem es den ÖPNV auf ein neues Qualitätsniveau hebt. Konkret bedeutet das:
- Der Sanierungsstau bei der Infrastruktur wird vollständig abgebaut.
- Neubau und Modernisierung von Betriebshöfen und Werkstätten.
- Fahrzeugflotten werden durch einen raschen gleitenden Austausch vollständig dekarbonisiert und modernisiert.
- Prozesse werden umfassend digitalisiert und automatisiert.
- Die ÖPNV-Qualität wird signifikant verbessert.
- Das ÖPNV-Angebot wird gegenüber 2024 punktuell ausgebaut.
Das Verkehrsangebot bleibt – mit Ausnahme von punktuellen Angebotsausweitungen durch bereits in der Umsetzung begriffene Investitionsvorhaben – konstant. Im Szenario „Modernisierung 2040“ entwickelt sich das ÖPNV-Angebot in Baden-Württemberg mit plus 5 Prozent sowie die Nachfrage mit plus 10 Prozent deutlich positiver. Der im bundesweiten Vergleich starke Nachfragezuwachs in Baden-Württemberg bei der Sparte SPNV ist vor allem auf die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 mit den daraus resultierenden Angebotsveränderungen im SPNV sowie auf die Inbetriebnahme neuer Straßen- und Stadtbahnstrecken in den Städten mit Verkehren nach BOStrab zurückzuführen, die bereits im Szenario Modernisierung 2040 abgebildet sind und auch auf die Nachfrage in der Sparte Bus ausstrahlen. Darüber hinaus soll die Bevölkerung in Baden-Württemberg bis 2040 landesweit um 5,2 Prozent wachsen.
Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ in Baden-Württemberg setzt auf dem Szenario Modernisierung 2040 auf und bietet darüber hinaus einen substanziellen Ausbau des Verkehrsangebots in allen Regionen Baden-Württembergs. Dadurch entsteht ein flächendeckend und attraktives sowie bedarfsgerechtes und klimafreundliches ÖPNV-Angebot. Es beinhaltet:
- Die Umsetzung aller Maßnahmen des Szenarios „Modernisierung 2040“.
- Eine flächendeckende Verdichtung des Angebots. Dazu gehören Taktverdichtungen im Busangebot gemäß bundesweit einheitlicher Mindestbedienstandards, eine um 40 Prozent gesteigerte Fahrplanleistung bei Straßen- und Stadtbahnen.
- Eine Fahrplanbeschleunigung um 5 Prozent durch digitale Steuerung, optimierte Ampelschaltungen und Priorisierung im Mischverkehr.
- Die vollständige Umsetzung des Deutschlandtakts und einer Anschlusssicherung im SPNV.
- Zusätzliche flexible On-Demand-Angebote in ländlichen Regionen.
Im „Deutschlandangebot 2040“ steigen die zur Verfügung stehenden Sitzplatzkilometer um 119 Prozent und die Nachfrage wächst um mindestens 38 Prozent. Die durchschnittliche Güteklasse verbessert sich von 3,6 (2024) auf 2,4 (2040), das heißt, für mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Baden-Württemberg verbessern sich die Erschließung im ÖPNV sowie das ÖPNV-Angebot um zwei Güteklassen, für knapp die Hälfte der Bevölkerung um eine Güteklasse.
Transformationsfahrplan für den ÖPNV bis 2040
Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ in Baden-Württemberg ist ein klarer Appell an die Politik: Nur mit einer entschlossenen Innovationsoffensive kann der ÖPNV seine Funktion als Rückgrat einer klima- und sozialgerechten Mobilitätswende erfüllen. Ein zukunftsfähiger ÖPNV erfordert dabei koordinierte verkehrspolitische Maßnahmen und langfristige Investitionen. Für Baden-Württemberg zeigt sich ein erheblicher Finanzierungsbedarf, da der Anteil der Fahrgeldeinnahmen – wie für die Flächenländer typisch – unterhalb des bundesweiten Durchschnitts liegt. Daraus resultiert ein hoher Finanzierungsbedarf, sowohl für das Szenario „Modernisierung 2040“ als auch die Umsetzung des ambitionierten „Deutschlandangebots 2040“. Dafür braucht es neben dem starken und dauerhaften Eigenbeitrag der Verkehrsunternehmen und -verbünde auch eine entschlossene Politik, die bei der Transformation des ÖPNV verlässlich unterstützt. Dazu gehört vor allem eine auskömmliche und langfristig gesicherte Finanzierung. Durch das VDV-Leistungskostengutachten erhält der Modernisierungspakt der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern, den Kommunen und der Branche eine fachlich fundierte Grundlage.
Die Politik muss dem ÖPNV nun den Stellenwert geben, den er in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen längst hat. Der ÖPNV in Deutschland kann bis 2040 transformiert werden – zu einem modernen, effizienten und leistungsstarken System –, wenn Politik und Branche gemeinsam entschlossen handeln.
Die wichtigsten Botschaften in Kürze:
Mit 193 Millionen Euro mehr pro Jahr in Baden-Württemberg…
… wird die ÖPNV-Qualität signifikant verbessert.
… wird der Sanierungsstau bei der Infrastruktur vollständig abgebaut.
… werden Betriebshöfe und Werkstätten modernisiert.
… werden Fahrzeugflotten dekarbonisiert und modernisiert.
… werden Prozesse umfassend digitalisiert und automatisiert.
Mit 453 Millionen Euro mehr pro Jahr in Baden-Württemberg…
… etablieren wir eine flächendeckende Taktverdichtung des Busangebots entsprechend von Mindestbedienstandards nach Kreistypen.
… verdichten wir das Angebot des Straßen-, Stadt- und U-Bahn-Verkehrs um 40 Prozent und sorgen für eine Fahrplanbeschleunigung um 5 Prozent.
… setzen wir den Deutschlandtakt sowie Anschlusssicherung innerhalb des SPNV um.
… schaffen wir in ländlichen Räumen ein zusätzliches Angebot durch Einsatz von Kleinbussen, flexibel, digital bestellbar (On-Demand-Angebot).
… steigern wir das Angebot (in Sitzplatzkilometern) um 119 Prozent.
… steigt die Nachfrage im Jahr 2040 gegenüber 2024 um mindestens 38 Prozent.
… steigern wir die durchschnittliche Güteklasse des ÖPNV von 3,6 auf 2,4.