Modernisierungsszenario und das Deutschlandangebot 2040 im Vergleich
Das Deutschlandangebot 2040 in Berlin
Gutachten über die Finanzierung der Leistungskosten im ÖPNV in Berlin 2024–2040 veröffentlicht. Zwei Szenarien zeigen den Transformationsfahrplan für die Branche auf: eine umfassende Modernisierung des Bestands oder – zusätzlich dazu – ein deutlich erweitertes, attraktiveres und leistungsstärkeres Angebot. Die Politik muss jetzt Richtungsentscheidungen treffen.
Das Leistungskostengutachten „Das Deutschlandangebot in Berlin – Transformationsfahrplan für einen modernen, effizienten und leistungsstarken ÖPNV für alle und überall“ stellt fundiert dar, wie der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Berlin zukunftsfähig gestaltet und finanziert werden kann. Es wurde im Auftrag des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) von Ramboll Management Consulting (RMC), PwC Deutschland (PwC) und Intraplan Consult erstellt.
Die Gutachter haben zunächst den Finanzierungsbedarf des ÖPNV für den Status quo im Jahr 2024 analysiert und darauf aufbauend für zwei konkrete Szenarien die unterschiedlichen Finanzierungsbedarfe für den ÖPNV der Zukunft ermittelt. Das Szenario „Modernisierung 2040“ beinhaltet die umfassende Modernisierung bestehender Infrastruktur, punktuelle Ausbauten und die Umsetzung der Antriebswende. Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ baut auf dem Szenario „Modernisierung 2040“ auf und bewirkt zusätzlich eine signifikante Verbesserung des ÖPNV-Angebots anhand bundesweit einheitlicher Mindestbedienstandards.
Bundesweiten Spitzenwert halten – ÖPNV am Stadtrand ausbauen
Das ÖPNV-Angebot in Berlin weist im bundesweiten Vergleich mit Abstand den Spitzenwert auf. Allerdings steht auch der Berliner ÖPNV vor wachsenden Herausforderungen: Steigende Betriebskosten und sinkende Erträge – etwa durch regulierende Maßnahmen wie das Deutschland-Ticket – lassen die strukturelle Schere zwischen Aufwendungen und erzielten Einnahmen weiter aufgehen und belasten die Systemstabilität.
Gleichzeitig braucht es für die vollumfängliche Umsetzung der Verkehrswende einen weiteren Ausbau des Verkehrsangebots, damit allen Menschen in Berlin auch zukünftig ein attraktives, bedarfsgerechtes und klimafreundliches ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht – auch in den Stadtrandlagen. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten braucht es entschlossenes politisches Handeln, um den ÖPNV in Berlin dauerhaft leistungsfähig, innovativ und zukunftssicher zu gestalten. Das VDV-Leistungskostengutachten macht deutlich: Ein „Weiter so“ ist selbst in Berlin keine Option.
Kernbotschaften des Gutachtens
ÖPNV in Berlin hängt von öffentlichen Mitteln ab
Die Betriebskosten des ÖPNV sind in den letzten Jahren aufgrund massiver Preissteigerungen deutlich überproportional gewachsen – insbesondere im Bereich Personal und Energie. Parallel dazu führte die Einführung des Deutschland-Tickets zu einem strukturellen Rückgang der Fahrgeldeinnahmen. Die Schere zwischen Aufwendungen und tatsächlich erzielten Einnahmen wird sich auch in Berlin trotz eines im Vergleich hohen Anteils fahrgastbezogener Einnahmen in den kommenden Jahren signifikant vergrößern. Im Jahr 2024 summierten sich die Aufwendungen für den ÖPNV in Berlin auf rund 2,88 Mrd. Euro. Die Einnahmen aus Fahrgeldern und sonstigen Erlösen betrugen rund 1,26 Mrd. Euro. Der Anteil der fahrgastbezogenen Einnahmen am Gesamtaufwand beträgt damit in Berlin rund 41 Prozent und liegt damit sehr deutlich oberhalb des bundesweiten Schnitts von circa 33 Prozent. Der verbleibende Finanzierungsbedarf von ca. 1,62 Mrd. Euro im Jahr 2024 in Berlin wurde durch öffentliche Finanzierungsquellen gedeckt. Die öffentliche Hand stellt somit auch in Berlin die zentrale Finanzierungssäule des ÖPNV dar.
Angebot und Nachfrage
Im Jahr 2024 erbrachte der ÖPNV in Berlin eine Betriebsleistung von rund 179 Mio. Nutzfahrzeug- bzw. Nutzzugkilometern. Insgesamt wurden in Deutschland 366 Mrd. Sitzplatzkilometer bereitgestellt, davon rund 23,1 Mrd. in Berlin. Dieses Angebot ermöglichte bundesweit 11,8 Mrd. Fahrgastfahrten und knapp 120 Mrd. Personenkilometer, davon wurden in Berlin rund 10,2 Mrd. Personenkilometer nachgefragt. Während bundesweit über die Hälfte dieser Leistung (54 Prozent) im SPNV nachgefragt wurde, liegt der Anteil des SPNV in Berlin mit 52 Prozent etwas darunter. Die Sparte Bus leistete in Berlin 18 Prozent der Nachfrage – deutlich unterhalb des bundesweiten Durchschnitts von 33 Prozent –, die Sparte Tram wiederum leistete 30 Prozent der Nachfrage im ÖPNV und damit deutlich mehr als im bundesweiten Durchschnitt (13 Prozent).
Kostenanstieg und Finanzierungsbedarf bis 2040
Das Leistungskostengutachten des VDV hat ein Leitbild für den künftigen ÖPNV entwickelt. Die Ergebnisse bilden einen detaillierten Transformationsfahrplan bis zum Jahr 2040 und stellen aus Sicht der Branche zugleich die fachlich fundierte Basis für den künftigen Finanzierungsbedarf dar. Um das Szenario „Modernisierung 2040“ in Berlin umzusetzen, verdoppelt sich der öffentliche Finanzierungsbedarf von 1,62 Mrd. Euro im Jahr 2024 auf 3,2 Mrd. Euro im Jahr 2040 – ein Plus von rund 1,58 Mrd. Euro. Das entspricht einer jährlichen Steigerung der öffentlichen Mittel um circa 98 Mio. Euro – ein Anstieg um circa 4,3 Prozent pro Jahr (bundesweit plus 4,1 Prozent). Davon sind allein 38 Mio. Euro pro Jahr inflationsbedingt. In der Sparte Tram ergibt sich der größte relative Anstieg des Finanzierungsbedarfs: Aufgrund umfassender Investitionen in die Modernisierung der Infrastruktur hat sie den größten Anstieg von rund 167 Prozent zu verzeichnen. Die Steigerungsrate der Sparte SPNV beträgt 61 Prozent und der Sparte Bus 66 Prozent.
Für die Umsetzung des Szenarios „Deutschlandangebot 2040“ steigt der Finanzierungsbedarf in Berlin von 1,62 Mrd. Euro im Jahr 2024 auf 4,44 Mrd. Euro im Jahr 2040. Das entspricht einer jährlichen Steigerung der öffentlichen Mittel um circa 175 Mio. Euro, was einem Anstieg um circa 6,5 Prozent pro Jahr entspricht (bundesweit 7,3 Prozent). Im Szenario „Deutschlandangebot 2040“ steigt der Finanzierungsbedarf in allen Sparten deutlich stärker als im Szenario „Modernisierung 2040“ – insbesondere in der Sparte Tram für den weiteren Ausbau von Infrastruktur und Angebot (plus 293 Prozent).
Der notwendige Eigenbeitrag der ÖPNV-Branche
Die Branche bekennt sich dazu, einen wesentlichen Eigenbeitrag zu leisten, Prozesse und damit letztlich auch das Angebot zu verbessern. Durch die Standardisierung von Systemen und Fahrzeugen lassen sich zusätzliche Skaleneffekte erzielen. Durch die Digitalisierung und Automatisierung ergeben sich neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung.
Modernisierung 2040 vs. Deutschlandangebot 2040 in Berlin
Das Szenario „Modernisierung 2040“ sorgt für Bestandssicherung und Verbesserung der ÖPNV-Qualität durch Modernisierungsmaßnahmen. Diese beinhalten:
- Der Sanierungsstau bei der Infrastruktur wird vollständig abgebaut.
- Betriebshöfe und Werkstätten werden modernisiert.
- Ertüchtigung beziehungsweise Neubau von Betriebshöfen und Werkstätten.
- Fahrzeugflotten werden dekarbonisiert und modernisiert.
- Prozesse werden umfassend digitalisiert und automatisiert.
- Das ÖPNV-Angebot wird gegenüber 2024 nur punktuell durch bereits in der Umsetzung begriffene Investitionsvorhaben ausgebaut.
Während sich bundesweit ein moderater Anstieg der Betriebsleistung um 1 Prozent bis 2040 sowie ein Zuwachs der Sitzplatzkilometer um 2,7 Prozent ergibt, entwickelt sich das ÖPNV-Angebot im Szenario „Modernisierung 2040“ in Berlin nur plus 1 Prozent. Deutlich über dem Bundesschnitt (plus 6,1 Prozent) steigt die Nachfrage in Berlin mit plus 13 Prozent. Der überproportionale Nachfragezuwachs ist insbesondere auf die positive Bevölkerungsentwicklung in Berlin zurückzuführen. Gemäß der Basisprognose der Verkehrsprognose 2040 soll die Gesamtbevölkerung in Berlin bis 2040 um 9,3 Prozent wachsen – deutlich über dem bundesweiten Schnitt von 0,9 Prozent. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird um 4,4 Prozent steigen, während bundesweit ein Rückgang von 7,9 Prozent prognostiziert wird.
Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ in Berlin baut auf dem Szenario „Modernisierung 2040“ auf und beinhaltet darüber hinaus einen substanziellen Ausbau des Verkehrsangebots. Dadurch entsteht ein flächendeckendes, attraktives sowie bedarfsgerechtes und klimafreundliches ÖPNV-Angebot. Es beinhaltet:
- Die Umsetzung aller Maßnahmen des Szenarios „Modernisierung 2040“.
- Flächendeckende Taktverdichtung des Busangebots entsprechend von Mindestbedienstandards nach Kreistypen: Orientierung an der Taktdichte in der Schweiz.
- Strukturelle Gerechtigkeit und Teilhabe durch die Anbindung von peripheren Räumen und des Umlands mit einem angemessenen Bedienstandard.
- Ausbau des SPNV-Angebots zum Beispiel durch die Eröffnung der S-Bahn-Linie S 21 und die Reaktivierung der Siemensbahn.
- Angebotsverdichtung des Straßen-, Stadtbahnverkehrs um 40 Prozent sowie Fahrplanbeschleunigung um 5 Prozent.
- Die vollständige Umsetzung des Deutschlandtakts und Anschlusssicherung im ÖPNV.
Im „Deutschlandangebot 2040“ steigen die zur Verfügung stehenden Sitzplatzkilometer in Berlin um 47 Prozent, und die Nachfrage wächst um mindestens 22 Prozent. Das Deutschlandangebot 2040 verbessert dabei das ÖPNV-Angebot in Berlin von einer Durchschnittsnote 1,5 im Jahr 2024 (bundesweit 3,8) hin zu einer Durchschnittsnote 1,2 im Jahr 2040 (bundesweit 2,5).
Transformationsfahrplan für den ÖPNV bis 2040
Das Szenario „Deutschlandangebot 2040“ ist ein klarer Appell an die Politik in Berlin: Mit einer entschlossenen Innovationsoffensive kann der ÖPNV in Berlin seine Vorreiterrolle bei der klima- und sozialgerechten Mobilitätswende weiter stärken. Das erfordert koordinierte verkehrspolitische Maßnahmen und langfristige Investitionen. Um diese Szenarien umzusetzen, braucht es neben dem wesentlichen Eigenbeitrag der Branche auch eine entschlossene Politik, die bei der weiteren Verbesserung und der endgültigen Transformation des ÖPNV in Berlin verlässlich unterstützt. Dazu gehört vor allem eine auskömmliche und langfristig gesicherte Finanzierung.
Durch das VDV-Leistungskostengutachten erhält der Modernisierungspakt der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern, Kommunen und der Branche eine fachlich fundierte Grundlage. Die Politik muss dem ÖPNV nun den Stellenwert geben, den er in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen längst hat. Der ÖPNV in Deutschland kann bis 2040 transformiert werden – zu einem modernen, effizienten und leistungsstarken System –, wenn Politik und Branche gemeinsam entschlossen handeln.
Die wichtigsten Botschaften in Kürze:
Mit 98 Mio. Euro mehr pro Jahr in Berlin …
… wird die ÖPNV-Qualität weiter signifikant verbessert.
… wird der Sanierungsstau bei der Infrastruktur vollständig abgebaut.
… werden Betriebshöfe und Werkstätten modernisiert.
… werden Fahrzeugflotten dekarbonisiert und modernisiert.
… werden Prozesse umfassend digitalisiert und automatisiert.
Mit 175 Mio. Euro mehr pro Jahr in Berlin …
… wird eine flächendeckende Taktverdichtung des Busangebots entsprechend Mindestbedienstandards nach Kreistypen etabliert.
… wird das Angebot der Straßen- und Stadt-, und U-Bahnen (Tram) um 40 Prozent gesteigert und für eine Fahrplanbeschleunigung um 5 Prozent gesorgt.
… werden der Deutschlandtakt sowie Anschlusssicherung innerhalb des SPNV umgesetzt.
… wird das SPNV-Angebot ausgebaut, zum Beispiel durch die Eröffnung der S-Bahn-Linie S 21 und die Reaktivierung der Siemensbahn.
… steigt das Angebot (in Sitzplatzkilometern) um 47 Prozent.
… steigt die Nachfrage im Jahr 2040 gegenüber 2024 um mindestens 22 Prozent.
… verbessert sich die durchschnittliche Güteklasse des ÖPNV von 1,5 auf 1,2.